Strategie

Cloud vs. On-Premise in Deutschland: Eine ehrliche Kosten- und Risikoanalyse

Eine nüchterne Gegenüberstellung von Cloud und On-Premise für deutsche Unternehmen. Mit realen Kostenbeispielen, Risikoanalyse und Entscheidungskriterien.

P
Philipp Joos
Autor
25. Oktober 2025
14 min Lesezeit

Die Gretchenfrage der IT: Cloud oder On-Premise?

Kaum eine Frage spaltet deutsche IT-Abteilungen so sehr wie die Cloud-Entscheidung. Auf der einen Seite Innovationsversprechen und Flexibilität, auf der anderen Seite Bedenken zu Kosten, Datenschutz und Kontrollverlust.

Dieser Artikel liefert eine ehrliche Analyse – ohne Cloud-Euphorie, aber auch ohne Legacy-Verklärung.

Total Cost of Ownership: Der vollständige Blick

On-Premise: Die versteckten Kosten

Viele Unternehmen unterschätzen die wahren Kosten von On-Premise-Infrastruktur:

Direkte Kosten:

  • Hardware-Anschaffung (Server, Storage, Netzwerk)
  • Rechenzentrum (Miete, Strom, Kühlung)
  • Software-Lizenzen
  • Wartungsverträge

Indirekte Kosten (oft vergessen):

  • Personal für Betrieb und Administration
  • Überkapazität für Spitzenlasten (typisch 30-50%)
  • Hardware-Refresh alle 4-5 Jahre
  • Disaster Recovery-Infrastruktur
  • Schulungen und Zertifizierungen

Opportunitätskosten:

  • Kapitalbindung statt Investition in Kerngeschäft
  • Langsamere Time-to-Market
  • Eingeschränkte Skalierungsfähigkeit

Cloud: Die unterschätzten Kosten

Auch Cloud-Kosten werden regelmäßig falsch eingeschätzt:

Unterschätzte Positionen:

  • Datenausgangskosten (Egress) – können dramatisch werden
  • Premium Support-Verträge (für Enterprise unerlässlich)
  • Reserved Instances (die man dann doch nicht nutzt)
  • Managed Services (bequem, aber teuer)
  • Training und Umschulung

Risiken:

  • Unkontrolliertes Wachstum ohne FinOps
  • Vendor Lock-in erhöht Wechselkosten
  • Preiserhöhungen (AWS hat 2024 Storage um 35% erhöht)

Realistischer Kostenvergleich

Beispiel: Mittelständisches Unternehmen, 50 VMs, 20 TB Storage

KostenpositionOn-Premise (5 Jahre)Cloud (5 Jahre)
Hardware/Compute180.000€420.000€*
Storage40.000€85.000€
Netzwerk25.000€65.000€ (Egress)
Lizenzen120.000€Inkludiert
Rechenzentrum150.000€Entfällt
Personal (2 FTE)800.000€400.000€ (1 FTE)
Disaster Recovery100.000€50.000€
Gesamt1.415.000€1.020.000€

*Bei optimaler Nutzung von Reserved Instances und Spot

Aber: Diese Zahlen variieren stark je nach:

  • Auslastungsmuster (Cloud gewinnt bei variablen Lasten)
  • Datenvolumen (On-Premise gewinnt bei hohem Egress)
  • Vorhandener Infrastruktur (Brownfield vs. Greenfield)

Risikobewertung: Was wirklich zählt

Datensouveränität

On-Premise:

  • Volle Kontrolle über Daten
  • Compliance intern prüfbar
  • Kein Zugriff durch Dritte

Cloud:

  • Daten bei externem Anbieter
  • CLOUD Act (für US-Anbieter relevant)
  • Abhängigkeit von Anbieter-Compliance

Realität: Große Cloud-Anbieter investieren mehr in Security als die meisten Unternehmen selbst können. Aber: Kontrolle ≠ Sicherheit.

Verfügbarkeit

On-Premise:

  • Selbst verantwortlich für Uptime
  • Oft Single-Site (kein Geo-Redundanz)
  • Typische Verfügbarkeit: 99,5-99,9%

Cloud:

  • SLAs oft 99,95-99,99%
  • Multi-Region möglich
  • Aber: Großflächige Ausfälle möglich (AWS us-east-1, Azure AD)

Realität: Cloud bietet tendenziell höhere Verfügbarkeit, aber neue Failure Modes.

Skalierbarkeit

On-Premise:

  • Kapazität muss vorab geplant werden
  • Scaling-Time: Wochen bis Monate
  • Peaks = entweder Überkapazität oder Ausfall

Cloud:

  • On-Demand-Skalierung in Minuten
  • Pay-per-Use für variable Lasten
  • Elastizität für saisonale Geschäfte

Realität: Für variable Workloads ist Cloud unschlagbar.

Abhängigkeiten (Lock-in)

On-Premise:

  • Hardware-Zyklen (alle 4-5 Jahre Austausch)
  • Software-Abhängigkeiten (Oracle, VMware)
  • Interne Prozess-Abhängigkeiten

Cloud:

  • Proprietäre Services (Lambda, DynamoDB, BigQuery)
  • Daten-Egress-Kosten bei Wechsel
  • Umschulungsaufwand

Realität: Lock-in existiert in beiden Welten. Der Unterschied: Cloud-Lock-in ist schneller aufgebaut.

Hybrid und Multi-Cloud: Der Mittelweg?

Hybrid Cloud

Kombination aus On-Premise und Cloud:

flowchart TB
    subgraph Hybrid["Hybrid Architecture"]
        subgraph OnPrem["On-Premise"]
            A1["Sensitive Data"]
            A2["Legacy Apps"]
            A3["Low-Latency
Requirements"] end subgraph Cloud["Cloud"] B1["Variable Workloads"] B2["New Development"] B3["Disaster Recovery"] B4["Burst Capacity"] end end OnPrem <-->|"VPN / Direct Connect"| Cloud

Vorteile:

  • Best of Both Worlds
  • Schrittweise Migration möglich
  • Daten bleiben intern, Compute in Cloud

Nachteile:

  • Höchste Komplexität
  • Zwei Skill-Sets nötig
  • Netzwerk-Latenz zwischen Standorten

Multi-Cloud

Nutzung mehrerer Cloud-Provider:

Vorteile:

  • Reduzierter Lock-in
  • Best-of-Breed-Services
  • Höhere Verhandlungsmacht

Nachteile:

  • Noch höhere Komplexität
  • Mehrere Skill-Sets
  • Keine einheitlichen Tools

Realität: Echte Multi-Cloud (gleiche Workloads auf mehreren Clouds) ist selten sinnvoll. Pragmatischer: Verschiedene Workloads auf verschiedenen Clouds.

Entscheidungsframework

Wann On-Premise sinnvoll ist

  1. Regulatorische Anforderungen erzwingen lokale Datenhaltung
  2. Extrem hohe Datenvolumen machen Egress-Kosten prohibitiv
  3. Niedrige Latenz ist geschäftskritisch
  4. Stabile, vorhersagbare Workloads ohne Skalierungsbedarf
  5. Bestehende, bezahlte Infrastruktur mit Restlaufzeit

Wann Cloud sinnvoll ist

  1. Variable Workloads mit Peak-Zeiten
  2. Schnelles Wachstum erwartet
  3. Globale Präsenz erforderlich
  4. Innovation und Experimente wichtig
  5. Fachkräftemangel für Operations

Wann Hybrid sinnvoll ist

  1. Schrittweise Migration von Legacy
  2. Mixed Requirements (Compliance + Innovation)
  3. Disaster Recovery Strategie
  4. Data Residency für bestimmte Daten

Cloud-Adoption richtig machen

Die häufigsten Fehler

Fehler 1: Lift-and-Shift ohne Optimierung
VMs 1:1 in die Cloud zu heben ist teuer. Cloud-Native-Refactoring spart langfristig.

Fehler 2: Keine FinOps-Strategie
Ohne Kostenkontrolle explodieren Cloud-Ausgaben. FinOps ist nicht optional.

Fehler 3: Unterschätzte Komplexität
Cloud ist anders, nicht einfacher. Investieren Sie in Training.

Fehler 4: Ignorierte Security
Shared Responsibility heißt: Sie bleiben verantwortlich.

Best Practices für die Migration

  1. Start small: Proof of Concept mit unkritischem Workload
  2. Measure everything: Baseline vor Migration, Vergleich danach
  3. Train your team: Cloud-Zertifizierungen für Kernteam
  4. Automate from day 1: Infrastructure as Code, CI/CD
  5. Plan for exit: Vermeiden Sie unnötigen Lock-in

Deutsche Besonderheiten

Datenschutz und DSGVO

Cloud-Nutzung ist DSGVO-konform möglich:

  • Deutsche oder EU-Rechenzentren wählen
  • Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) abschließen
  • Technische Maßnahmen dokumentieren

Cloud-Made-in-Germany

Alternativen zu US-Hyperscalern:

  • IONOS: Deutscher Provider, DSGVO-nativ
  • Open Telekom Cloud: T-Systems, OpenStack-basiert
  • Hetzner Cloud: Günstig, Performance-orientiert
  • Plusserver: Enterprise-fokussiert

Trade-off: Weniger Features, weniger Skalierung, aber volle Datensouveränität.

Mittelstands-Realität

Viele deutsche Mittelständler haben spezifische Anforderungen:

  • Langfristige Investitionszyklen (10+ Jahre)
  • Konservative IT-Entscheidungen
  • Starker Fokus auf Operational Excellence
  • Weniger Experimentierdrang

Cloud-Adoption sollte diese Realität respektieren – schrittweise, nicht revolutionär.

Fazit: Es gibt keine pauschale Antwort

Die Cloud vs. On-Premise-Entscheidung ist keine ideologische, sondern eine geschäftliche Frage.

Kernerkenntnisse:

  • TCO-Vergleiche müssen vollständig sein (inkl. Personal, Opportunitätskosten)
  • Risiken existieren in beiden Welten
  • Hybrid ist oft die praktische Realität
  • Die richtige Antwort hängt vom Kontext ab

Unsere Empfehlung für deutsche Unternehmen:

  1. Analysieren Sie Ihre Workloads individuell
  2. Berechnen Sie TCO realistisch (5-Jahres-Horizont)
  3. Bewerten Sie Risiken gewichtet nach Geschäftsrelevanz
  4. Starten Sie mit einem Piloten statt Big Bang
  5. Planen Sie Exit-Optionen von Anfang an

Sie stehen vor der Cloud-Entscheidung? Wir unterstützen Sie mit einer objektiven Analyse Ihrer spezifischen Situation – unabhängig von Cloud-Provider-Interessen.

Tags:
Cloud
On-Premise
TCO
Kostenanalyse
Risikomanagement
IT-Strategie
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Philipp Joos

Geschäftsführer und Gründer von CFTools Software GmbH. Leidenschaftlich in der Entwicklung skalierbarer Softwarelösungen und Cloud-Native-Architekturen.

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